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Gelesen: Eleanor Oliphant is
Completely Fine (Gail Honeyman)

Bei mir zuhause stapeln sich so genannte „Flughafenbücher“. Das sind solche, die ich quasi im Vorbeigehen in Flughäfen kaufe. In Gatwick fiel mir das Cover von „Eleanor Oliphant is Completely Fine“ von Gail Honeyman ins Auge. Ein in diesem Fall übrigens ziemlich genial gestaltetes Cover, wie sich hinterher herausstellen sollte.

TRIGGERWARNUNG: Das Buch thematisiert emotionalen und physischen Missbrauch und dessen Folgen, also Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung.

 

Darum geht es:

Eleanor Oliphant ist 29 Jahre alt, hat einen 9-to-5-Bürojob, hört in der Woche abends Radio und isst Pasta mit Pesto, geht freitagabends in den Supermarkt und kauft Pizza, Wein sowie zwei große Flaschen Wodka. Letzteren trinkt sie übers Wochenende so gut eingeteilt, dass sie weder vollkommen besoffen noch vollkommen nüchtern ist. Das Telefon klingelt nur dann, wenn ihre Mutter anruft – also jeden Mittwochabend. An der Tür klingelt es nur dann, wenn der Stromzähler abgelesen wird – also einmal im Jahr – und wenn eine Sozialarbeiterin kommt, um sich nach ihrem Befinden zu erkunden – also zweimal im Jahr. Ihre beste Freundin heißt Polly und ist eine Topfflanze aus Eleanors früherem Zuhause.

In der Summe ist bei Eleanor alles in Ordnung. Gut, das Ekzem auf ihren Händen nervt manchmal. Die Narbe in ihrem Geischt zieht Blicke auf sich. Und ihre Arbeitskollegen machen sich schon mal über sie lustig. Dennoch: Ihr geht es gut. She is completely fine. Das sind die „good days“.

„I’m a sole survivor – I’m Eleanor Oliphant. I dont’t need anyone else – there’s no big hole in my life, no missing part of my own particular puzzle. I am a self-contained entity.“

Dann verändert sich Eleanors Leben auf dramatische Art und Weise.
1. Sie hat den Mann fürs Leben gefunden. Er weiß nichts von seinem zukünftigen Glück, doch das macht nichts, denn Eleanor weiß darum.
2. Zusammen mit ihrem Arbeitskollegen Raymond rettet sie einem unbekannten älteren Herrn namens Sammy das Leben, als dieser mitten auf der Straße einen Herzinfarkt erleidet.

Eleanor wird aus ihrem Rhythmus gerissen, sieht sich mit Situationen, vor allem aber Emotionen konfrontiert, die sie zuweilen überfordern.

„His mother was still talking. ‚Denis was eleven when Raymond came along – a wee surprise and a blessing, so he was.‘ She looked at him with so much love that I had to turn away. At least I know what love looks like, I told myself. That’s something. No one had ever looked at me like that, but I’d be able to recognize it if they ever did.“

Sie kommt in Kontakt mit sehr schmerzlichen Erinnerungen. Es kommt der Tag, an dem sie zusammenbricht. Das sind die „bad days“.

„Later. I woke again. I kept my eyes closed. I was curious about something. What, I wondered, was the point of me?“

Eleanor begreift, dass „leben“ nicht nur „überleben“ bedeutet. Sie realisiert auch, dass sie nicht allein ist – vielmehr, nicht allein sein MUSS – wenn sie es denn nur zulassen kann.

„‚Eleanor, it’s like I said – you two saved my life, we’re family now. Come and visit any time you like. I’d love to see you, hen‘, Sammy said. […] ‚Eleanor, listen,‘ he said, staring me in the eye and gripping my hands tightly, ‚thanks again, lass (…).‘ I found that I didn’t want to remove my hands from the warmth and strength of this.“

Eleanors Verhalten ist ein solches, das einem das Lachen im Halse steckenbleiben lässt.

„I wondered if Sammy might enjoy some cold pasta and pesto; I could make a double portion for supper one evening and bring the leftovers to him the next day in a Tupperware tub. I did not own any Tupperware, having had no need of it until this point. I could go to a department store to purchase some. That seemed to be the sort of thing that a woman of my age and social circumstances might do. Exciting!“

Denn letztlich ist ihr vermeintlich asozial-pragmatisches Verhalten nichts anderes als eine von der menschlichen Psyche ausgeklügelte Überlebensstrategie. Das ist einerseits faszinierend, andererseits aber auch tragisch. Honeyman hält dem Leser zudem einen Spiegel vor: Wann haben wir uns zuletzt über eine Person, die wir „komisch“ finden, verächtlich geäußert? Hinter mehr oder weniger vorgehaltener Hand darüber gesprochen, was „mit dem“ oder „mit der“ wohl los sei? Einen Menschen von oben herab behandelt oder gar mit Missachtung gestraft? Dieser moralische Zeigefinger kommt nicht als frontaler Hammer, sondern eher hintenrum und schleichend – wirkt aber gut nach. Menschen akzeptieren sowie „sein“ lassen und zugleich eigene Grenzen bewahren können – eine ewige Gratwanderung und keine einfache.

Das realisiert auch Eleanor. Und sie realisiert auch, dass „being completely fine“ eine Farce ist, aus der sie sich langsam und mit helfenden Händen – schwer, diese anzunehmen! – rausarbeitet. Hier als Leser bei sein zu dürfen ist enorm aufwühlend.

Eleanors Geschichte liest sich leicht und unterhaltsam, es ist ein Buch, das man immer wieder mal zwischendurch in die Hand nehmen und weiterlesen kann, auch spätabends im todmüden Zustand noch.  Die Leichtigkeit der Sprache jedoch steht im Kontrast zur Schwere des Inhalts, insofern bleibt immer auch ein etwas bitterer Nachgeschmack. Der wiederum aber hat das Potenzial uns dazu zu bringen, dass wir uns unsere eigenen verhärmten Stellen im Herzen etwas genauer ansehen. Wo kommen sie her, welche Gefühle lösen sie aus – und möchte ich, dass sich andere Menschen aufgrund meines Verhaltens genauso oder ähnlich mies fühlen?

Im Deutschen heißt der Titel „Ich, Eleanor Oliphant“ und ist im Frühjahr 2017 bei Bastei Lübbe erschienen.

 

 

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