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Das mit den Büchern und mir

Neulich erwischte ich mich dabei, wie ich Buch um Buch langsam in die Hände nahm und vorsichtig vom Staub befreite. Putzen gehört für mich per se nicht zu den schönsten Tätigkeiten, und so sehe ich immer zu, dass es irgendwie schnell vorüber geht. Bei meinen Büchern ist es anders. Kein hektisches Wischi-Waschi, sondern regelrecht kontemplatives Pusten, Drüberstreicheln (und -wischen) und Reinlesen. Und wie ich da also so stand, mit dem feuchten Lederlappen in der Hand, und registrierte, wie schwer es mir fällt, mich von manchen bedruckten Seiten zu verabschieden und auch feststellte, dass ich einige Titel noch gar nicht gelesen hatte – da also bemerkte ich für mich vor allem eines: Bücher waren für mich immer schon von großer Bedeutung.

Gereinigter Bücherstapel, nicht lesegeschmacksrepräsentativ

In meinen Kinderjahren waren sie sogar mein Ein und Alles. Wenn es um mich herum zu trubelig war, halfen sie mir, mich auszuklinken. Sie machten aber auch schöne Tage noch besser. Zum Beispiel an heißen Sommertagen im heimatlichen Freibad. Ich erinnere mich gut daran, wie ich in zum Teil unmöglichen Positionen (um ein bestmögliches Bräunungsergebnis zu erzielen) auf dem immer zu kurzen Handtuch lag oder saß und mich der Geruch des frisch gemähten Grases in Kombination mit Sonnencreme, Chlor und Pommes in eine andere Welt hineinbegleitet hat.

Für diese anderen Welten, entstanden aus einem Zusammenschluss von gedruckten Lettern und nachfolgendem Urknall in meinem Hirn, war ich manchmal sogar zu empfänglich. Oder meine Fantasie schlicht zu rege. Es fällt mir generell schwer, mich an Momente meiner Kindheit zu erinnern – nicht aber an solche, in denen ich ein Buch in der Hand hielt.

Ich weiß noch, wie ich als ungefähr 12-Jährige an meinem Schreibtisch saß – der gleiche, an welchem ich auch jetzt sitze – und völlig versunken und verloren in den Nebeln Avalons rumstocherte. Wie ich es hasste, wenn dann Zu-Bett-Geh-Zeit war, vor allem sommers, und ich dann noch so lange las, bis meine Augen das immer weniger werdende Licht, ein Grau-Matsch mit Punkten darin, im Kinderzimmer nicht mehr kompensieren konnten. Wie ich am nächsten Tag dann an der heimischen Bushaltestelle, im Bus, vor dem Klassenzimmer, manchmal auch im Klassenzimmer, in jeder Pause, an der schulischen Bushaltestelle, im Bus, manchmal auch während des Gehens, beim Essen und dann wieder am Schreibtisch oder im Bett weiterlas.

Ich weiß noch, wie ich als 13-Jährige Stephen Kings „ES“ las, zurückgezogen im Schlafzimmer meiner Eltern, mit verstörtem Gesichtsausdruck ( es gibt ein Foto davon), Herzrasen und einem betonähnlichen Muskeltonus. Ich habe es nicht zu Ende gelesen, weil ich mich plötzlich so sehr vor dem Nirvana-Poster über meinem Bett gefürchtet habe – im abendlichen Grau-Matsch mutierte das Schwarz-Weiß-Bild der Band ganz, ganz sicher zu einem Clowns-Gesicht. Als 30-Jährige habe ich einen erneuten Versuch gestartet – ich habe es immer noch nicht zu Ende gebracht.

Ich weiß noch, wie ich aus der Schulbibliothek gefühlt alle Pferde-Mädchen-Abenteuer-Bücher ausgeliehen habe, wie schwer meine „Tonne“ in Anbetracht der neuen zu betretenen Welten war, und welch‘ glücksglucksiges Gefühl das in meinem Bauch hervorrief. Ich weiß noch, wie mir der Ponyhof-Mist irgendwann stank und ich nur noch Kinderbücher las, die die Judenverfolgung im Zweiten Weltkrieg thematisierten. Weil Anne Frank ihrem Tagebuch einen Namen gab, gab auch ich meinem Tagebuch einen Namen. Damals war es nicht nur Friedrich, und mein dazumal 11-jähriges Herz begriff nicht, was geschehen war. Das tut auch mein heuer 34-jähriges Herz nicht.

Ich weiß noch, wie ich immer wieder versucht habe, mich mit Karl May anzufreunden. Aus dem Hause der Großeltern waren irgendwann diverse Exemplare aus der schicken Karl-May-Verlag-Sammlung bei uns gelandet, teils in Sütterlin geschrieben. Letzteres habe ich schnell durchschaut, aber die Namen der vielen „Rothäute“ und die Wild-West-Atmosphäre per se haben mich durcheinander gebracht. Der Urknall im Hirn blieb aus. Gut, dann eben die „Wolfsfrau“, warum nicht schon mal ein wenig an der eigenen Weiblichkeit feilen, als Zehnjährige? Nein, natürlich habe ich schnell gemerkt, dass das nichts für mich ist, genauso wenig wie der „Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“. Moody’s „Leben nach dem Tod“ sprach mich dann schon eher an. Will sagen: Auch die Bücher meiner Mutter waren nicht vor mir sicher, wenngleich sie schon mal Versuche unternahm, sie vor mir zu verstecken. Trotzdem blieb mir Klaus Kinskis „Erdbeermund“ (leider) nicht verborgen – Himmel, was ne Sauerei! Das Dreckszeugs wurde in meinem Freundeskreis durchgereicht und schaffte es nie mehr zurück in sein vermeintlich sicheres Versteck. Keine Ahnung, wo der Schinken nun liegt.

Ich weiß noch, wie ich dann mit ungefähr 14-16 Jahren sowohl in der Pubertät als auch in der Psychothriller-Schiene feststeckte. Alles von Joy Fielding (unvergessen: der Kanarienvogel in der Mikrowelle), klar, und dazu immer eine Tafel Milka Noisette. Wenn dann noch Katze Käthe neben mir ruhte, war das Seelenheil perfekt.

Und ich weiß noch, wie ich wie Anne auf Green Gables und dann in Avonlea leben wollte, oder noch besser: in Bullerbü, meinetwegen auch in Lönneberga, wobei es in Phantásien sicherlich auch schön gewesen wäre – an Atreju geklammert auf seinem Pony gen Sonnenuntergang reitend, apropos reiten: ein Zimmer auf Gut Rosenberg in Schleswig-Holstein hätte sehr gut in meine damaligen Ferien-Planungen gepasst, Wendy und ich hätten der großkotzigen Cousine Vanessa sicherlich mal ordentlich den Hintern vers- also, ihr mal an den Haaren gezogen. Ein Leben mit Pferd hätte zudem die Villa Kunterbunt geboten, noch mehr Pferde der Gutshof Tara in Jonesboro – und einen heißen Hengst namens Rhett Butler noch dazu.

Und wenn ich so zurückdenke, an diese Zeit voller Bücher, mal mehr, mal weniger anspruchsvoll (wenn ich mir meine Erinnerungen so ansehe, dann wohl eher weniger), dann wundert es mich ein wenig, dass ausgerechnet ich mich zu Buchstaben und Wörtern hingezogen fühle. Denn als ich noch sehr klein war, schien erst einmal nichts darauf hinzuweisen. Im Gegenteil:

1. Ich habe gestottert.

2. Ich konnte die Artikel nicht richtig verwenden. Mir leuchtete einfach nicht ein, warum es DAS Fenster und DER Ofen und DIE Gabel sein sollte. Und erklären konnte es mir auch keiner.

3. Beim Buchstabenschreiben in der 1. Klasse hatte ich so meine Schwierigkeiten mit dem s, p, a und q.

Wörter aussprechen, Wörter grammatikalisch richtig korrekt verwenden , Buchstaben NICHT spiegelverkehrt schreiben – häh!?? Wie soll das gehen? Meine Mutter drohte mir dazumal mit Sprachschule – in meiner Vorstellung der absolute Horror. Gewiss kein lustiges Internat à la Lindenhof mit meinen Homies Hanni und Nanni, sondern eher blanker Horror à la Momos graue Herren im Nirgendwo. Ich weiß nicht, was dann wie und warum passiert ist. Ich erinnere mich nur, dass ich irgendwann angefangen habe zu fragen, was „das für ein Buchstabe ist“. „Und das für einer?“ „Und der?“ Ich wollte wissen, was da um mich herum passiert, was die Welt versucht, mitzuteilen. Ladennamen, Werbetafeln, Produktaufschriften – überall waren sie, diese Buchstaben. Ich wollte verstehen. Ich wollte Teil dieser Welt sein. Vielleicht ein Stück weit weniger hilflos sein. Das sage ich aus heutiger Perspektive, damals war mir das so natürlich nicht bewusst. Aber dieses Gefühl, wenn aus Hieroglyphen plötzlich benenn- und verlautbare Buchstaben und daraus wiederum Worte und Sätze und schließlich gar Welten wurden! Buchstaben, Worte und Sätze – sie wurden meine Anker in der realen Welt und meine Brücken für die Fantasiewelten.

In der zweiten Klasse war ich eine der besten im Vorlesen. Das Stottern war längst Geschichte. Ich blieb freiwillig nachmittags im Förderunterricht, um Spiele zu spielen, die irgendwie mit Buchstaben zu hatten. Eines Tages schenkte mir meine Lehrerin ein Pixie-Buch, vor versammelter Klasse. Darin schrieb sie: „Weil dir das Lesen so viel Freude macht.“ Ich brannte vor Stolz. Meine Aufsätze in den Klassen 3 und 4 wurden immer wieder mal vorgelesen, Diktate schrieb ich beinahe immer fehlerlos (bei 10 x 0 Fehler = keine Hausaufgaben), ich durfte sogar selbst einmal Diktate korrigieren. In der 4. Klasse ging ich wieder freiwillig zum Förderunterricht, um einem aus Albanien geflohenen Jungen das Lesen beizubringen. Will sagen: Es lief, irgendwie, plötzlich, zwischen mir und den Buchstaben und der Grammatik und überhaupt.

13 Jahre später traf ich besagte Lehrerin wieder. Ich machte damals meine Ausbildung zur Buchhändlerin, als sie den Laden betrat. Sie erkannte mich sofort und wunderte sich kein bisschen darüber, mich zwischen all den Büchern wiederzuentdecken. An meinem Geburtstag kam sie wieder und schenkte mir ein kleines Album mit Fotos, auf denen ich bei Ausflügen oder schulinternen Events während meiner Schulzeit zu sehen war. So wertvoll!

All das fiel mir plötzlich ein, als ich gestern Buch um Buch langsam in die Hände nahm und vorsichtig vom Staub befreite.

 

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