Herzensangelegenheiten

If it bleeds it leads – Trauma und Journalismus

Stell dir vor, du arbeitest als Reporter für einen Lokalsender oder eine Zeitung. Plötzlich stürmt ein Jugendlicher die Räume einer Schule und schießt um sich.

Stell dir vor, auf der Bundesstraße nebenan ist ein schwerer Unfall passiert. Du sollst hin, mit der Polizei sprechen, Fotos machen.

Stell dir vor, die ganze Stadt feiert. Loveparade. Du bist vor Ort, lässt dich mitreißen, alles ist gut. Und plötzlich sterben Menschen.

Vor zwei Jahren hatte ich die Möglichkeit, an einem aufschlussreichen und intensiven Seminar in Rendsburg teilnehmen zu können. „Amok, Unfälle, Katastrophen – Umgang im Lokaljournalismus“, organisiert vom Dart Centre Europe. Nein, hier geht es nicht um den Dart-Sport, sondern darum, wie Erkenntnisse aus der Traumaforschung im Journalismus zum Einsatz kommen können- und können sollten.

Das Dart Centre ist kurz zusammengefasst ein Netzwerk, das sich als Forum und als Ressource versteht, um die sensible und sachkundige Berichterstattung über Tragödien und Gewalt zu fördern.

Wann immer ich anderen gegenüber die Wortkombination aus „Journalismus und Trauma“ fallen ließ, schaute ich entweder in Fragezeichen-Augen oder mein Gegenüber sagte: „Ah, geht es da um so was wie Kriegsreporter?“
Das geht natürlich schon in die richtige Richtung. Kollegen, die in und aus Krisengebieten berichten, werden meist mit Extremsituationen konfrontiert. Krieg, Krankheiten, oder (Natur-) Katastrophen verursachen menschliches Leid. Damit werden Journalisten ungefiltert konfrontiert.

Doch menschliches Leid begegnet uns auch auf lokaler Ebene.

Auch das sind schwierige journalistische Einsätze. Direkt hier, vor Ort, vor deiner Haustür.

Du musst berichten. Aber wie?

Mit wem sprichst du vor Ort? Was fragst du jemanden, der der Massenpanik entkommen ist? Was, wenn du plötzlich den Eltern gegenüber stehst, die ihr Schulkind an diesem Morgen zuletzt lebend gesehen haben? Was, wenn dich das Bild auf der Bundesstraße nicht mehr loslässt? Welche Bilder fängst du ein? Welche werden publiziert? Welche Überschrift denkst du dir aus?
Wie geht es dir selbst?

O horror, horror, horror! Tongue nor heart cannot conceive nor name thee!

(Macduff in Shakespeare’s Macbeth)

Nun haben die Freie Universität Berlin und das Dart Center Deutschland/Europe erstmals einen Lehrfilm zum Umgang von Medien mit der Darstellung hochexpressiver, zielgerichteter Gewalt (Amokläufe u.a.) erstellt. Er wird am 16. Juni 2015 in Berlin präsentiert.

Die Doku heißt „media running amok?“. An dieser Stelle möchte ich die entsprechende Webseite zitieren:
„Darin erläutern Betroffene wie Gisela Mayer vom Aktionsbündnis Winnenden, ehemalige Schüler der Albertville-Realschule, Frank Nipkau vom Waiblinger Zeitungsverlag sowie Experten aus dem TARGET-Verbund und dem zugehörigen Beirat, wie sich das Verhalten der Medien und die Berichterstattung auf Betroffene auswirkt und Gewalttaten durch Täterdarstellungen sogar fördern können.
Der Film, der vom Deutschen Presserat und dem Aktionsbündnis Winnenden unterstützt und dessen Produktion vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert (BMBF) wurde, kann ab Mitte Juni 2015 bei der Freien Universität Berlin kostenlos angefordert werden. Er ist für die Aus- Fort-, und Weiterbildung Medienschaffender einsetzbar.“

Hier der Trailer zum Film:

Journalisten haben die Aufgabe, zu informieren. Dabei haben sie es, egal wo, mit Menschen zu tun. Zur Sorgfaltspflicht eines Journalisten gehört es nicht nur, sauber zu recherchieren und arbeiten. Dazu gehört auch der behutsame Umgang mit dem Gegenüber und schließlich auch mit sich selbst.

Meiner Meinung nach kommen diese Aspekte in der Ausbildung viel zu kurz. Doch sie sind da, die Möglichkeiten der Weiterbildung. Ich hoffe, dass das Thema mehr und mehr an Präsenz gewinnt.

1 Kommentare

  1. Hallo Sarah!
    Sehr schön auf den Punkt gebracht!

    Ich hab leider mehr als einmal die Situation gehabt, wo ich zu Hinterbliebenen, Opfern oder Betroffenen geschickt wurde und immer wieder dieselbe Frage: Mein Gott – ich geh ich da jetzt bloß ran.

    🙁

Kommentare sind geschlossen.